Politik beginnt vor Ort
(Beitrag aus BEK-Forum, Ausgabe 02-05/2014, Text: Matthias Dembski)


"Wozu dient Kirche?"  -  Für Pastor Bernd Klingbeil-Jahr von der Friedensgemeinde ist diese Frage eine Aufgabe: "Wir sollen dienen  -  und zwar den Menschen, die im Quartier leben." Die Gemeinde im Viertel betreibt seit 20 Jahren konsequent und auf vielfältige Weise die Öffnung zum Stadtteil. "Wir sollen nicht nur am Sonntag reden, sondern wir müssen von Montag bis Samstag handeln. Der Gottesdienst ist ein Miteinander von Nachdenken und Aktion. Es gibt in der Gemeindearbeit keine Trennung von Theorie und Praxis. Glauben kann jenseits der KIrchentüren nur spürbar werden, wenn wir unser Haus öffnen und auf Hoffnungen, Sorgen und Probleme der Menschen im Alltag reagieren."

Familientreff und Bildungsbrücke
Auf Entwicklungen im Umfeld zu reagieren, bedeutet in der Friedensgemeinde z.B. einen Familientreff in den Wintermonaten gemeinsam mit dem Amt für Soziale Dienste, dem Kinderschutzbund und dem Haus der Familie Mitte im Gemeindezentrum anzubieten. "Wir schließen Bündnisse, weil nur mit verteilten Kräften der Aufwand für ein solches Projekt leistbar ist, wenn es vernünftig aufgestellt sein soll." Die Bündnispartner profitieren gegenseitig von Know-How und Ressourcen. Mit dieser Vernetzung schaffte die Gemeinde ein Angebot für den Stadtteil, das im achten Winter nicht nur den vielen Alleinerziehenden, sondern Familien insgesamt zugute kommt. Die "Bildungsbrücke" unter Beteiligung von Schulleitern und Eltern ist ein weiteres Bespiel für eine gelungene Vernetzung mit gesellschaftlichen Akteuren. Sie übernimmt die Schul-Nebenkosten von 300 Euro pro Kind und Schuljahr pauschal und ohne Einzelnachweise für Kinder aus z.B. Hartz IV -Familien. BEK-Mittel bildeten die Anschubfinanzierung, aber auch Beiratsmittel flossen in die Bildungsbrücke.

Partnerschaften im Stadtteil schließen
"Wir werden dadurch klüger und kommen aus der kirchlichen Milieu-Blindheit heraus", meint Bernd Klingbeil-Jahr. Mit den kommunalpolitischen Institutionen wie Ortsamt und Beirat sei man in gutem Kontakt. "Ich besuche keine Sitzungen, aber wir machen gemeinsame Aktionen, wie z.B. "Das Viertel isst" bei uns im Haus." Die Beiräte, die Bremer Heimstiftung und der Viertelbürgermeister laden zu diesem thematischen Mahl alle am Stadtteil Interessierten ein. "Zuletzt ging es dabei um das Thema Flüchtlinge und es waren natürlich auch etwa 40 Betroffene, vor allem aus Syrien und Tschetschenien dabei, die vor über 200 anderen Gästen ihre Situation schilderten." Viele Aktivitäten folgten dem Mahl, etwa regelmäßige Besuche im benachbarten Flüchtlingswohnheim und eine gemeinsame Weihnachtsfeier. "Wir konnten sogar den Flug für eine Familien-Wiederzusammenführung organisieren und bezahlen."

Bündnisfähigkeit öffnet Türen
Sich als Gemeinde in den Stadtteil einzubringen, öffne Türen, sagt Bernd Klingbeil-Jahr: "Wir haben beheizte Gebäude, hauptamtliche Mitarbeitende und die Kraft von über 100 Ehrenamtlichen. Damit sind wir ein attraktiver Bündnispartner im Stadtteil, der Begegnungsflächen schaffen kann. Wir können selbstbewusst, aber nicht marktschreierisch unsere Institution, die Kirche, in das Orchester des Gemeinwesens einbringen." Um die 2.000 Gäste kommen wöchentlich ins Gemeindezentrum der Friedenskirche mit seinem offenen Café-Bereich im Foyer, das sich als öffentlicher Ort auch für Nicht-Gemeindemitglieder etabliert hat.

Bürgeranhörung im Gemeindezentrum
Als es um die Bürgerbeteiligung bei den Bebauungsplänen auf dem Gelände des Klinikums Mitte ging, war klar, dass die Friedensgemeinde dafür der passende Veranstaltungsort ist. "Wir mischen uns in die Planungen ein, weil wir für Integration, nicht für Ausgrenzung stehen." In einem offenen Dialog-Raum gelte es dann aber auch Konflikte offen auszutragen. "Bei einer Anwohnerversammlung wird auch mal gepöbelt, weil es Interessengegensätze gibt." Dennoch lohne sich Einmischung, meint der Gemeindepastor.

Kooperationen bereichern Themenjahre
"Bei unseren Themenjahren, die wir alle zwei Jahre veranstalten, profitieren wir von unseren Bündnissen mit dem Stadtteil und seinen Akteuren. Jede zweite Veranstaltung ist das Ergebnis unserer Kooperation mit den Partnern." Im Netzwerk finanzierten sich die Veranstaltungen leichter, gleichzeitig vergrößere sich der Wirkungsbereich der Themenjahre, weil eine andere Klientel in die Gemeinde kommt. "Das zahlt sich auch für die Gemeindearbeit im engeren Sinne, z.B. inpuncto Tauf-, Trauungs- oder Seelsorgeanfragen aus. Dennoch sind wir nicht offen für alle, sondern lehnen Raumanfragen sektiererischer Gruppen ab."


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